EIN RHEINER MORDS-FALL - KAPITEL 12

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OUT OF ORDER

Reto Hein schreckte auf. Er musste sich zuerst orientieren wo er war. Sein Schädel hämmerte wie wild. Er setzte sich auf. Dann schob er die Rücklehne in seinem Land Rover wieder in Sitzposition und öffnete die Türe. Sein Hund glotzte ihn im Rückspiegel fragend an. Ein Blick auf die Uhr. «Scheisse!» Er stieg aus und streckte sich. Es war mittlerweile neunuhrdreissig. Er ging um den Defender herum und öffnete die Hecktür. Seinem Hund gab er ein Zeichen, er solle rausspringen und liess in sich versäubern. In der Zwischenzeit suchte er sein iPhone in seiner Jackentasche. Er zog es heraus und stellte fest, dass er es zuerst noch einschalten musste. Er grinste, denn er erinnerte sich noch genau wann und warum er es letzte Nacht ausgeschaltet hatte. Er startete das Telefon, der weisse Apfel war auf dem Display zu sehen und Hein gab, während dessen seinem Hund einen Wink zum Einsteigen. Er schloss die Heckklappe und stieg wieder ein. Er öffnete das Display mit seiner Face ID und öffnete die Telefon-App. In diesem Moment meldete sein Provider zehn Anrufe in Abwesenheit. Er tippte auf die eingehende Information. Alle waren von ein und derselben Person: Fabienne Pfammatter. «Shit», entglitt es ihm wieder. Hastig tippte er auf ihren Kontakt. Es klingelte. Fünf mal. Hein wurde ungeduldig. Zehn mal. Er trommelte nervös auf dem Steuerrad herum. Dann die Comebox, gefolgt vom Signalton. «Fabienne, sorry, ruf mich zurück.» Er legte auf, startete den Motor und rollte über den Feldweg zurück auf die Landstrasse in Richtung Schaffhausen. Er wählte die Büronummer. «Kriminalpolizei Schaffhausen, Rüttimann», meldete sich eine Frauenstimme. «Reto Hein, ciao Claudia.» Ehe sich die Dame am anderen Ende zu Wort melden konnte, sprach er schon weiter: «Sag mal, ist Fabienne im Haus?» «Die war früh da und hat das Haus vor einer Stunde mit einem Dienstwagen verlassen.» «Verbinde mich bitte mit dem Hunziker», sagte Hein etwas gehässig. Er hörte den Rufton im Ohr. Dann: «Hunziker.» «Ciao Dani, Reto Hein. Du sag mal, mit welchem Auto ist Fabienne unterwegs und kannst du sie über GPS orten?» «Um was geht’s genau?», wollte der Kollege am anderen Ende wissen. Hein schilderte ihm, dass er seine Kollegin nicht erreichen könne per Handy und er ihm doch bitte infolge Dringlichkeit mitteilen möge ob er Fabienne Pfammatter auf irgendeine Weise orten könne. Der Kollege hörte ohne ein Wort zu sagen zu. Dann plötzlich: «Handy oder Auto?» «Beides», schoss es aus Hein heraus. «Breitwiesenstrasse zehn, Schaffhausen. Keine Bewegung. Sonst noch was?» «Nein, danke», sagte Hein und legte auf. Er hantierte sein magnetisches Blaulicht auf sein Dach, schaltete es ein und aktivierte das Martinshorn. Er drückte das Gaspedal seines Defenders ganz durch und schoss über die Schaffhauserstrasse in Richtung Stadt. «Scheisse», fuhr es ihm schon wieder aus seinem Mund.   

 

Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete Fabienne Pfammatter blinzelnd die Augen. Erst langsam realisierte sie ihre prekäre Lage. Sie versuchte sich zu bewegen, liess es aber sofort wieder bleiben. Stechender Schmerz durchfuhr sie. Sie stöhnte laut auf. Ein Schwall Blut lief aus ihrem Mund. Sie schloss die Augen. «Nicht hier, nicht jetzt», dachte sie. Dann hörte sie Schritte. Sie öffnete leicht ihre Augen und versuchte sich nicht zu bewegen. «Warum, warum», hörte sie eine Männerstimme sagen. Die Schritte kamen immer näher. «Warum nur müsst ihr auch immer nur eure Nase in Dinge stecken, die euch nichts angehen, hm?», fragte die Person in den halbdunklen Kellerraum. Pfammatter versuchte etwas zu erkennen. Sie sah nur einen schwarzen Schatten ungefähr zwei Meter von ihr entfernt. Langsam kam dieser näher. Sie kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Sie konnte einen Umhang wahrnehmen, welcher dem Unbekannten bis auf Höhe seiner Knöchel ging. Ganz leicht drehte sie ihren Kopf nach oben und schielte dem Umhang entlang und versuchte so viel wie möglich zu erkennen. Doch es war zu dunkel. Dann kauerte der Unbekannte sich vor ihr Gesicht, die Kapuze jedoch verdeckte sein Antlitz. Plötzlich hörte sie Geräusche. Ein Fahrzeug fuhr draussen vor das Gebäude, parkte und leuchtete mit seinen Lichtern direkt in das Oberlichtfenster vom Keller. Für einen kurzen Augenblick war der Raum genug hell erleuchtet um etwas zu sehen. Für den Bruchteil von Sekunden sah Fabienne Pfammatter die auf der linken Brustseite die eingestickten Flügel und auf der Rechten die Zahl eins. Und dann erhaschte sie den Anblick, den sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen würde. Das Gesicht des Unbekannten. Abrupt erlosch das Licht des Fahrzeuges. Es wurde wieder schwarz vor Fabienne`s Augen. Der Verhüllte richtete sich auf, ging wortlos zur Türe und verliess den Raum. Sie hörte wie das Schloss hinter ihm zufiel. Schmerz durchfuhr sie. Sie weinte.

 

Hein raste durch den Fäsenstaubtunnel. Noch ein paar wenige Minuten bis zu der Adresse wo sowohl das Dienstfahrzeug wie auch das Telefon von Fabienne Pfammatter zuletzt geortet wurden. Er hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Er konnte sich darauf verlassen. Auf der Höhe Ausfahrt Schaffhausen Nord klingelte sein Handy. Er freute sich schon, dass es Fabienne sein könnte. Er warf einen Blick auf das Display. Eine unbekannte Mobilfunknummer. Er drückte den Knopf seiner Freisprechanlage. «Hein?» «Hallo, lieber Reto», flötete es aus den Lautsprechern. Es war Sabine Hugentobler. «Hy», sagte Hein etwas scheu und weiter: «Was verschafft mir die Ehre?» Er bretterte weiter auf die Ausfahrt Herblingen zu. «Na, viel zu tun wie ich höre?» «Es geht, danke», antwortete er knapp. Hugentobler schien auf’s Ganze zu gehen: «Sehen wir uns später wieder?» Hein musste grinsen und schoss auf der Ausfahrt auf den Kreisverkehr zu. Er musste sich konzentrieren, bremste und schaltete in den dritten Gang. Fuhr aus dem Kreisel raus, schaltete hoch in den Vierten. «Gerne», sagte er etwas gepresst. Der nächste Kreisverkehr. Schalten, bremsen und in die Industriestrasse bei der dritten Ausfahrt. «Aber nur wenn du magst, Reto», flötete Sabine weiter. Er beschleunigte wieder hoch und flitzte am Fussballstadion vorbei. «Aber sicher doch», antwortete er knapp und bog in die Ernst Müller-Strasse ein. «Kann ich dich anrufen», fragte er schelmisch. «Aber gerne doch, melde dich.» Sie legte ohne ein weiteres Wort auf. Hein zuckte mit den Schultern, schaltete das Blaulicht und die Sirene aus und fuhr mit angemessenem Tempo an der Breitenwiesenstrasse bei der Schaffhauser Asphalt AG auf den Platz. Er überlegte, wo er sein Auto möglichst unerkannt parken würde und umfuhr zwei Lagerhallen. «Bingo», sagte er laut als er das Dienstfahrzeug seiner Kollegin erspähte. Er parkte seinen Land Rover Defender daneben. Er schaltete den Motor aus, stieg aus dem Auto, öffnete die Heckklappe, schnappte sich seinen Hund und befestigte diesen an der Leine. Dann ging er zur Beifahrertüre, öffnete diese und nahm einen Schal, welchen seine Arbeitskollegin bei ihm hat liegen lassen und schloss die Türe so leise wie möglich. Hein befahl seinen Hund ins «Sitz». Dann hielt er ihm den Schal an die Nase. Es folgte der nächste Befehl: «Such!» Er begann zu schnuppern und schnüffeln und schien tatsächlich Witterung aufzunehmen. Der Hund begann wie wild an der Leine zu ziehen und lotste sein Herrchen um Paletten, Fässer und Maschinen über das Gelände. Er pirschte sich von Sichtschutz zu Sichtschutz, immer dem Hund folgend. Dann standen sie vor der Türe eines kleineren, unscheinbaren Gebäudes. Es schien ein altes Maschinengebäude zu sein. Hein`s Hund kratzte mit der Vorderpfote an der Türe. Er drückte die Türklinke nach unten, zu seinem Erstaunen liess sie sich öffnen. Reto zog sie auf, liess den Hund voran und Griff mit der rechten Hand an sein Schulterhalfter. Behutsam griff er nach seiner Pistole, nahm sie raus und entsicherte. Der Vierbeiner folge weiter dem Geruch von Fabienne Pfammatter. Eine Eisentreppe war vor ihnen. «Warten», flüsterte Hein seinem Hund zu. Er machte ihn von der Leine los und legte sie sich um den Hals. Ein Griff in die linke Jackentasche, ein «Klick» und er zog seine Maglite Taschenlampe raus. Hein leuchtete die Treppe hinunter. Der Hund ging vorne weg. Langsam, Tritt für Tritt, ging das Ermittlerduo in die Tiefe. Unten angelangt wurde der Geruch von Öl stärker und stärker. «Such», befahl er seinem Gefährten. Dieser ging angestrengt weiter und streckte seine Nase immer wieder in die Luft. Sie standen vor einer Türe. Ein Vorhängeschloss. Reto Hein zückte sein Handy und wählte Fabienne`s Nummer. «Sssst», machte er in Richtung Hund und lauschte angestrengt. Da. Ganz schwach hörte er ein Klingeln. Er rüttelte an der Türe. Das Schloss war zu. Er fackelte nicht lange, gab seinem Hund den Befehl von der Türe weg zu gehen, richtete seine Pistole auf die Verriegelung und drückte ab. Einmal, zweimal, dreimal. «Kloing!» Der Bügel des Vorhängeschlosses sprang auf. Er öffnete die Türe und leuchtete in den dunklen Kellerraum. Da lag sie. «Fabienne», rief Hein erfreut und hechtete auf seine Kollegin zu. Sein Hund folgte ihm und sofort sah er die Blutlache unter Pfammatters Kopf. «Fabienne, hörst du mich», er stupste dabei ihre Schultern leicht an. «H…e…i…n», röchelte sie. Sie zog ihn zu sich runter und versuchte ihm etwas zu sagen. «B…ma.» Mehr brachte sie nicht über die Lippen. Hein überblickte die Situation und realisierte rasch, dass der Notarzt kommen musste. Er wählte die «144». «Reto Hein, Kripo Schaffhausen, schnell, schwerverletzte Kollegin, Breitenwiesenstrasse, Asphalt AG. Einweisung via Handy.» Er legt auf. «Was hast du gesagt, Fabienne?» Er schaute sie fragend an. Sie verdrehte die Augen. «Bleib bei mir», flehte er sie an. Wieder ein zaghafter Versuch. «B…ma!»  Hein wiederholte laut das gesagte: «B…ma! B…ma!» Er dachte angestrengt nach und hielt dabei Pfammatters Hand. Sie musste husten und wieder kam ein Schwall Blut aus ihrem Mund. Hein nahm ihren Schal, welchen er noch immer in seiner Hand hatte, hob ihren Kopf und legte das Stück Stoff zwischen Gesicht und Boden. «B…ma!» Minuten verstrichen, dann hörte Hein die Sirene. Er erhob sich, flüsterte Fabienne ins Ohr, dass gleich Hilfe komme und pfiff seinen Hund zu sich. Er stürmte aus dem Keller auf den Platz. Sein Handy klingelte und er wies die Sanitäter ein wo sie seine Kollegin finden würden. Hein packte seinen Hund wieder an die Leine und ging zurück zu seinem Fahrzeug. Er wollte gerade um die Ecke des Gebäudes laufen, da zog Hein seinen Hund wie vom Blitz getroffen zurück. «Fuss», zischte er und zog ihn zu sich. Er suchte Schutz hinter einem Stapel Europaletten an der Hauswand und lugte zwischen den Schlitzen hindurch. Da stand er. Ein silbergrauer Mercedes AMG GLS mit einem ihm bekannten tiefen Schaffhauser Kennzeichen. Unübersehbar. Der Fahrer sass am Steuer und schien zu telefonieren. Hein kniff die Augen zusammen, dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: «B…ma!», sagte er laut vor sich hin. «B…ma ist Brönnimann!» Vor ihm war sein Chef. Der Schaffhauser Polizeikommandant Herbert Brönnimann. «Scheisse, Scheisse, Scheisse», fuhr es aus ihm raus. Er duckte sich und versuchte die Situation zu überblicken. Er musste zu seinem Auto. Er schlich der Hauswand entlang zurück und ging in einem grossen Bogen, geschützt von Baumaschinen, hinten herum über den Platz bis zu seinem Fahrzeug. Den auffälligen Mercedes immer im Blick, aber so, dass er nicht gesehen werden konnte. Geduckt schlich er sich zu seinem Defender, öffnete für den Hund die hintere Luke, schloss sie vorsichtig wieder. Kroch um das komplette Fahrzeug herum zur Fahrertüre und huschte auf den Sitz. Er starte den Motor und beobachte im Seitenspiegel was sein Chef machte. Plötzlich setzte sich der SUV in Bewegung. Hein wartete einen kurzen Augenblick, setzte zurück und folgte dem Fahrzeug in sicherem Abstand. Der Weg führte zurück am Fussballstadion vorbei auf die Autobahn in Richtung Zürich. Erstaunt stellte Reto Hein fest, dass Brönnimann die Autobahn bei der Abfahrt Neuhausen verliess und durch den neuen Tunnel in Richtung Klettgau fuhr. Der Weg führte sie weiter nach Beringen. In der Ortsmitte bog der SUV in Richtung Freibad Beringen ins Lieblosental ab. Hein wurde stutzig, folgte aber brav weiter im typischem Verfolgungsmodus. Weiter Tal einwärts. Nach ungefähr einem knappen Kilometer bog der Polizeikommandant links weg auf einen Feldweg. Reto Hein drosselte das Tempo, griff auf den Beifahrersitz, setzte sich seinen Regenhut auf und zog diesen tief in sein Gesicht. Der Mercedes verschwand gerade im Wald, als auch Hein auf den Feldweg einbog. Wieder verringerte er die Geschwindigkeit. Er war froh, hatte er eine unauffällige Wagenfarbe und folgte weiter mit sicherer Distanz seinem Chef. «Wo willst du hin», fragte Hein sich selbst. Der Waldweg zog steil an und windete sich in Serpentinen den Randen hinauf. An einer Weggabelung musste er intuitiv handeln und entschied sich, dem Weg weiter den Berg hinauf zu folgen. Die Entscheidung war, wie sich wenig später herausstellte, richtig. Er fuhr langsam. Er fuhr ohne Licht. Weiter und weiter in den Wald hinein. Da, plötzlich, sah er aus der Ferne eine Waldhütte. Davor standen verschiedene Fahrzeuge. Er bremste und setzte seinen Defender behutsam so weit zurück, dass er von der Hütte aus nicht mehr zu sehen war. Er fuhr den Land Rover vom Weg weg, mitten in den Wald und versteckte ihn hinter Büschen. «Warten», befahl er seinem Hund mit einem Blick in den Rückspiegel, stieg aus und griff wieder zu seiner Pistole. Dann rannte er auf die Hütte zu. Getarnt von den Bäumen, versuchte er dieser so nahe wie möglich zu kommen. Hinter einem gefällten Baum ging er in Deckung. Die Sicht auf das Waldhaus war geradezu optimal. Er versuchte etwas zu erkennen. Das Auto seines Kommandanten sah er auf Anhieb. Nichts tat sich. Doch plötzlich Motorengeräusche. Ein Auto kam von der Siblinger Seite her auf die Hütte zu. Hein traute seinen Augen nicht. Es war ein Audi RS e-tron GT mit violetter Sonderlackierung. Er kannte das Fahrzeug. Sein Atem stockte. Dann beobachtete er wie eine Frau in einem purpurnen Umhang aus dem Auto ausstieg. Die Kapuze noch nach hinten geklappt. Es war sein Date von der letzten Nacht: «Sabine Hugentobler!» Nun hatte er ein sehr grosses Fragezeichen im Gesicht.

FORTZSETZUNG FOLGT...  

Kommt Fabienne Pfammatter mit der Ambulanz noch rechtzeitig ins Schaffhauser Kantonsspital?

EIN RHEINFALL-KRIMI IN STÜCKEN UND ANDEREN KÖRPERTEILEN

MORDEN IM NORDEN DER SCHWEIZ

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